Einsatz von Twitter in traditionellen Formaten

Es ist der letzte Tag der E-Learning Konferenz. Die Atmosphäre vor Ort interpretiere ich als aufbruchfreudig. Die vergangenen Tage und Stunden wurden bestimmt von persönlichen Gesprächen, in denen neue Ideen gemeinsam ergründet wurden. Es ist die Erfahrung einer inneren Dynamik und kreativen Kraft der engen Zusammenarbeit, die ich aus dieser Konferenz in meine eigene Kammer des Forschens hinüber retten will. Aber halt! Meine Kammer des Forschens ist schon lange nicht mehr abgeschlossen. Zahlreiche Kanäle nach außen können zur Vertiefung, der auf der Konferenz angefangenen Diskussionen nachhaltig verwendet werden.

Ich freue mich auf die abschließende Podiumsdiskussion und sitze gespannt im Publikum. Mein Laptop ist diesmal in der Tasche verstaut, was auch daran liegt, dass ich ein wenig Energie für später aufbewahren wollte. Die Moderatorin eröffnet vielversprechend die Podiumsdiskussion. Ich lausche ihr gespannt. Nach weiteren zwanzig Minuten lausche ich ihr immer noch, aber diesmal angestrengt. Meine positive Erwartung hat sich in Enttäuschung verwandelt. Die Podiumsteilnehmer werfen Keywörter in das Publikum, welches sich mittlerweile in großen Teilen mit sich selbst diskutiert. Ich fühle mich ausgeschlossen, aus zwei stattfindenden Diskussionen. Ab und zu sehe ich ein paar Diskussionsstränge auf der Twitterwall aufblitzen. Sie machen mich neugierig und laden mich zur Teilnahme ein. Von der Podiumsdiskussion erwarte ich mir keine weitere Einladung. Hier ist man bemüht zu präsentieren. Ich beschließe der Einladung zur Diskussion über Twitter zu folgen.

Als die Podiumspräsentation, die eigentlich als Diskussion angekündigt war, zu Ende ist, bin ich verwirrt. Ich spüre, dass hier etwas passiert ist.

Anders, als noch am Tagesanfang erwartet, wird mein Enthusiasmus von Enttäuschung und Unzufriedenheit nach Hause begleitet. Was war passiert?

Christian Spannagel twittert dazu am 25.09.2009: „cspannagel @jeanpol Ja genau – das ist meines Wissens die erste „traditionelle“ Konferenz, die sich für solche Entwicklungen öffnet! #bel09

Aus seinem Blog chrisp’s virtual comments mit dem Artikel „Gemeinsamer Gedankenaustausch – E-Learning 2009 Nachlese“ vom 20.09.2009, hat die bereits vor Ort begonnene Diskussion um den Einsatz von Twitter auf traditionellen Konferenzformaten noch einmal neu angestoßen. Die Erfahrungen mit Twitter als zusätzliches Werkzeug auf Konferenzen, das die Diskussionen anregen und bereichern soll, werden als Erörterungsansatz herangeführt. Die Inhalte der E-Learning Konferenz 2009 in Berlin sind in den Hintergrund gerückt (Wikiversity-eigene Konferenznotizen). Gabi Reinmann greift als eine der Wenigen den Inhalt der Konferenz auf, um dann auf die entflammte Diskussion überzuleiten.

Die angeregte Diskussion zu diesem Zeitpunkt ist notwendig, gerade wenn man sich mit E-Learning auseinander setzen will. Das Organisationsteam um Nicolas Apostolopoulos hat die notwendige Auseinandersetzung erkannt und ein Blog für den Austausch den Teilnehmern der E-Learning Konferenz zur Verfügung gestellt. Diesen Schritt sollten sich mehrere traditionelle Organisationsformen wagen, wenn aneinander vorbeigehende Diskussionen verhindert werden sollen. Ich hoffe nur, dass den Organisatoren des Blogs auch bewusst ist, dass das zur Verfügung stellen dieses Werkzeuges nicht von sich selbst heraus lebt, sondern ständiger Impulse bedarf.

Michael Kerres greift folgenden Gedanken auf seinem Blog auf: „Eine Frage, die mich auf der Reise nach Hause beschäftigt: Wird da ein Bruch sichtbar zwischen den Erlebniswelten unterschiedlicher Gruppen (nur zum Teil beschreibbar als: eine „jüngere“ und „ältere“ Generation)? Manche nähern sich dem Thema Web 2.0 recht distanziert, während Andere weit in diese Welt eingetaucht sind. Dabei sind die „aktiven User“ keineswegs „unkritisch“, sie bewegen sich einfach selbstverständlich in der Welt. Durch Diskurse in der Blogosphäre, Barcamps und andere Formate hat sich in dieser Welt ein Diskussionsstand entwickelt, der für die mittlerweile etablierte E-Learning Szene, so mein Eindruck, in Teilen manchmal schwer nachvollziehbar ist. Dabei bewegt sich „diese Welt“ rasant, mit Implikationen, die weit über E-Learning hinausreichen. Und mir ist erneut klar geworden, wie unbeholfen sich manchmal Forschung hierzu verhält.

Ich nehme daraus mit, dass sich die E-Learning „Experten“ notwendigerweise mit diesem Phänomen konstruktiv auseinander setzen müssen.

Die Erörterung um den Einsatz von Twitter auf Konferenzformaten ist jedenfalls auf den Blogs entbrannt.

Merkmal Aufmerksamkeit der Zuhörer gegenüber dem Vortragenden:

Die einen verstehen einzelne Vorträge nur als Anregungen für eigene Gedanken. Dabei ist es nicht wichtig, jede Information zu erhaschen und man kann durchaus einen Teil der Aufmerksamkeit in „konkurrierende“ Medienformate, neben dem Vortrag“ lenken. Marcel Kirchner beschreibt das ganz treffend in dem von ihm mitgeführten E-Learning 2.0 Blog:

Wenn man auf dem Klassentreffen der Bildungsexperten alle Informationskanäle mitverfolgen wollte (Sessions, Face-to-Face-Gespräche, Twitter, Blogs und Streaming) musste man schon ziemlich multitasking-fähig sein. Ich für meinen Teil habe gerne zwischen den Kanälen gewechselt – mal getwittert, mal gebloggt, mal geredet und mal nur zugehört. Das hatte für mich einen tollen Reiz und ich war auch nicht unzufrieden, die eine oder andere Information zu verpassen (um so besser konnte ich mich auf die anderen konzentrieren)! Rausgekommen ist ein Sammelsurium an Informationsbausteinen in meinem Kopf und in zahlreichen Online-Dokumenten.

Andere wiederum verbinden diese Unaufmerksamkeit mit Respektlosigkeit dem Vortragenden gegenüber. Um auf dieses Argument näher einzugehen, habe ich mir das nächste Merkmal zur näheren Anschauung herausgegriffen.

Merkmal Aufmerksamkeit der Vortragenden gegenüber dem Zuhörer:

Bei der sogenannten Aufmerksamkeit in Vorträgen handelt es sich um ein sogenanntes Wechselspiel zwischen den zwei verschiedenen Parteien. Auf dem Blog Studiumdigitale der Universität Frankfurt habe ich dazu geschrieben:

Meine aktuelle Meinung über Twitter auf Konferenzen ist: Wenn zu viele Zuhörer miteinander in einem Raum twittern, dann ist das nur ein Anzeichen dafür, dass die Präsentation den Zuhörer nicht erreicht und er beim nächsten Vortrag seine Präsentationstechnik überdenken sollte. Wann konnte ein Vortragender offensichtlicher erkennen, wie sein Vortrag beim Gegenüber ankommt, als heute? Früher haben die Zuhörer mit offenen Augen geschlafen.“

Merkmal Beteiligung an der konferenzbegleitenden Diskussion:

Hier kann wohl unterschieden werden in:

  1. Diskussionen zwischen den Vortragenden und Teilnehmenden vor Ort
  • über offline Diskussionsrunden (siehe die ersten beiden Merkmale)
  • Diskussionen über webgestützte Werkzeuge der vor Ort Teilnehmenden untereinander

Hier bedarf es neuer Vortragsweisen. Die Diskussionen (Vortrag/im Web stattfindende Diskussionen) sollten nicht aneinander vorbeigehen. Ist eine größere Teilnehmermenge anwesend, so könnten die häufigsten im Web wiedergegebenen Meinungen aufgegriffen und in die Diskussion gestellt werden. Christian Spannagel greift zurecht in der E-Learning Konferenz diesen Ansatz mit folgendem Tweet auf:

„Hier sitzen 200 Experten im Raum und dürfen sich nicht an der Diskussion beteiligen. Vielen Dank. #bel09

Die auf seinem Blog angestoßene Diskussion um überdachte Präsentations-Konferenzformate ist eine logische, weitergedachte Konsequenz.

2. nach außen geöffnete Diskussionen über webbasierte Werkzeuge:

Natürlich kann die Beteiligung von außen (nicht vor Ort anwesende Teilnehmer) durchaus kritisch wahrgenommen werden. Auf was reagieren diese Personen? Welchen Informationsschnipsel, der aus dem Zusammenhang gerissen im Web dargestellt wurde, reagiert er? Lenken diese nicht eher ab?

Natürlich lenken diese die Aufmerksamkeit der vor Ort anwesenden Zuhörer auf etwas anderes, als die Stimme des Vortragenden. Allerdings können die Teilnehmer erste Gedanken bereits verarbeiten und in diesem Zusammenhang selbst in die öffentliche Diskussion stellen. Ein mögliches Feedback kann wiederum in die Diskussion vor Ort eingebracht und vielleicht sogar angereichert werden.

Ein riesiges Dankeschön an alle, die sich an dieser interessanten Auseinandersetzung auf den unterschiedlichsten Blogs teilgenommen haben.

Update:

Ein sehr lesenswerter Artikel von Wolfgang Neuheus, der den Lernprozess in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und die begleitenden Medien an den Rand dieser Aufmerksamkeit rückt:

Mit Lernen bezeichnen wir immer eine Verhaltensänderung des Menschen. Und genau diese, durch Beobachtung überprüfbare Verhaltensänderung, macht den Begriff des Lernens so wertvoll. […]  Erst diese Möglichkeit, solche Prozesse beobachten zu können, eröffnet uns die Möglichkeit, Kompetenzen zu beschreiben und in der Unterrichtssituation mit diesen Kompetenzen umzugehen.

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Schriftbasierte Kommunikation im Web kann zur Sensibilisation im Umgang mit der eigenen Sprache führen

Jahrelang war ich an einem Rollenspiel beteiligt. Diese Faszination in fremde Rollen schlüpfen zu können, interessierte mich. In Rollenspielen ergriff ich die Möglichkeit meine eigenen und fremde Vorstellungen durch die Handlungsweisen meines Charakters auszuprobieren und an mir selbst zu erfahren. Ich war anfangs selbst über diese Wirkung des „Fast-Erlebens“ überrascht. Dann aber ergriff ich nach und nach die Chance, die Grenzen meines Selbst durch den gespielten Charakter zu erfahren. Ich ließ ihn in unmöglichste Situationen hineingleiten, nur aufgrund meiner Neugierde, wie sich eine solche Situation wohl annähernd anfühlen würde. Für mich war es eine Möglichkeit Grenzsituationen annähernd zu erfahren, ohne diese jemals real erleben zu wollen, zu können oder zu müssen.

Erstaunliches hatte ich hier und da festgestellt.

Charakteristisch an diesem Rollenspiel war, dass es textbasiert gespielt wurde. Kein Avatar lief durch computergenerierte Landschaften, wie beispielsweise in World of Warcraft. Allein durch meine Vorstellungen und der Geschicklichkeit (ob die von Erfolg gekrönt waren, möchte ich an dieser Stelle gern hinten an stellen) meiner Formulierungen bzw. des Ausdruckes konnte ich, wie ein Autor, virtuelle Welten durch meinen Avatar erleben, der ebenso nur in dem geschriebenen Text bzw. in den eigenen oder fremder Gedanken wohnte. Als bildliche Darstellung war nur ein rothaariger statischer Schopf vorhanden, der kühl lächelnd den Besucher am Bildschirm entgegenblickte.

Diese Form des Rollenspiels hatte mich seit meinem ersten Tag eines Rollenspielers fasziniert. Auch heute noch finde ich diese inspirierend, leider fehlt mir die Zeit für neue Erfahrungen dieser Art. Der Nachteil eines solchen textbasierten Rollenspiels ist offenkundig. Es bedarf Zeit, sich durch die Texte der anderen Mitspieler zu lesen, um daraufhin mit seinen eigenen Vorstellungen die Handlung weiterzuschreiben. Wahrscheinlich ist in diesem Aufwand einer der wichtigsten Gründe zu finden, weswegen grafikbasierte Rollenspiele eine hohe Attraktivität verzeichnen, während textbasierte Rollenspiele sich mühsam jedes neue Mitglied erkämpfen müssen.

Ich bin heute noch von dem Potenzial dieser textbasierten Rollenspiele überzeugt. Spielerisch kann hier der Umgang mit unserer Sprache erlernt werden. Wie schreibt man etwas, damit es von den anderen Mitspielern mit Begeisterung gelesen wird? Wie schreibt man seine Gedanken für andere verständlich nieder, ohne dass vermehrt Missverständnisse auftreten? Wer möchte schon seinen Mitspieler durch den Text quälen? Kann diese Begeisterung für das Schreiben mit einem Inhalt sinnvoll verbunden werden, ist das Lernen dieses Inhaltes durch den spielerischen und kooperativen Effekt um so reizvoller.

Das Mitschreiben und Gestalten an einem Rollenspiel ist nur eine Möglichkeit, die das Web den Usern anbietet. Nur wenige Webbesucher wählen diese doch extreme Form der Auseinandersetzung mit unserer Sprache. Jedoch ist das Web mehrheitlich schriftbasiert und kann uns teilhaben lassen an Diskursen und Auseinandersetzungsprozessen. Grundvoraussetzung ist die Artikulation der eigenen Sichtweisen. Die mediale Form kann mit einem reflexiven Potential einhergehen.

Dieses Einzelbeispiel hochzurechnen wäre falsch und ist zudem ein extremer Einzelfall im Verhältnis der Webbesucher weltweit gesehen. Allerdings ist hier auch nicht der Ort für die Darlegung großangelegter Studien und Beweisführung. Deswegen möchte ich in diesem Zusammenhang nur auf die Studie „Stanford Study of Writing“ mit folgender Aussage aufmerksam machen. „Tatsächlich werde mehr geschrieben als je, weit mehr, und das liege vor allem daran, dass das Internet zu einem zentralen öffentlichen Ort geworden sei, der sich nur durch geschriebene Sprache erschließe.

Weiterführend:

– Winfried Marotzki, Multimediale Kommunikationsarchitekturen: Herausforderungen und Weiterentwicklungen der Forschung im Kulturraum Internet, erschienen in der Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung; http://www.medienpaed.com (11.04.2008)

– „Revolution des Schreibens“ (28.08.2009)