Schriftbasierte Kommunikation im Web kann zur Sensibilisation im Umgang mit der eigenen Sprache führen

Jahrelang war ich an einem Rollenspiel beteiligt. Diese Faszination in fremde Rollen schlüpfen zu können, interessierte mich. In Rollenspielen ergriff ich die Möglichkeit meine eigenen und fremde Vorstellungen durch die Handlungsweisen meines Charakters auszuprobieren und an mir selbst zu erfahren. Ich war anfangs selbst über diese Wirkung des „Fast-Erlebens“ überrascht. Dann aber ergriff ich nach und nach die Chance, die Grenzen meines Selbst durch den gespielten Charakter zu erfahren. Ich ließ ihn in unmöglichste Situationen hineingleiten, nur aufgrund meiner Neugierde, wie sich eine solche Situation wohl annähernd anfühlen würde. Für mich war es eine Möglichkeit Grenzsituationen annähernd zu erfahren, ohne diese jemals real erleben zu wollen, zu können oder zu müssen.

Erstaunliches hatte ich hier und da festgestellt.

Charakteristisch an diesem Rollenspiel war, dass es textbasiert gespielt wurde. Kein Avatar lief durch computergenerierte Landschaften, wie beispielsweise in World of Warcraft. Allein durch meine Vorstellungen und der Geschicklichkeit (ob die von Erfolg gekrönt waren, möchte ich an dieser Stelle gern hinten an stellen) meiner Formulierungen bzw. des Ausdruckes konnte ich, wie ein Autor, virtuelle Welten durch meinen Avatar erleben, der ebenso nur in dem geschriebenen Text bzw. in den eigenen oder fremder Gedanken wohnte. Als bildliche Darstellung war nur ein rothaariger statischer Schopf vorhanden, der kühl lächelnd den Besucher am Bildschirm entgegenblickte.

Diese Form des Rollenspiels hatte mich seit meinem ersten Tag eines Rollenspielers fasziniert. Auch heute noch finde ich diese inspirierend, leider fehlt mir die Zeit für neue Erfahrungen dieser Art. Der Nachteil eines solchen textbasierten Rollenspiels ist offenkundig. Es bedarf Zeit, sich durch die Texte der anderen Mitspieler zu lesen, um daraufhin mit seinen eigenen Vorstellungen die Handlung weiterzuschreiben. Wahrscheinlich ist in diesem Aufwand einer der wichtigsten Gründe zu finden, weswegen grafikbasierte Rollenspiele eine hohe Attraktivität verzeichnen, während textbasierte Rollenspiele sich mühsam jedes neue Mitglied erkämpfen müssen.

Ich bin heute noch von dem Potenzial dieser textbasierten Rollenspiele überzeugt. Spielerisch kann hier der Umgang mit unserer Sprache erlernt werden. Wie schreibt man etwas, damit es von den anderen Mitspielern mit Begeisterung gelesen wird? Wie schreibt man seine Gedanken für andere verständlich nieder, ohne dass vermehrt Missverständnisse auftreten? Wer möchte schon seinen Mitspieler durch den Text quälen? Kann diese Begeisterung für das Schreiben mit einem Inhalt sinnvoll verbunden werden, ist das Lernen dieses Inhaltes durch den spielerischen und kooperativen Effekt um so reizvoller.

Das Mitschreiben und Gestalten an einem Rollenspiel ist nur eine Möglichkeit, die das Web den Usern anbietet. Nur wenige Webbesucher wählen diese doch extreme Form der Auseinandersetzung mit unserer Sprache. Jedoch ist das Web mehrheitlich schriftbasiert und kann uns teilhaben lassen an Diskursen und Auseinandersetzungsprozessen. Grundvoraussetzung ist die Artikulation der eigenen Sichtweisen. Die mediale Form kann mit einem reflexiven Potential einhergehen.

Dieses Einzelbeispiel hochzurechnen wäre falsch und ist zudem ein extremer Einzelfall im Verhältnis der Webbesucher weltweit gesehen. Allerdings ist hier auch nicht der Ort für die Darlegung großangelegter Studien und Beweisführung. Deswegen möchte ich in diesem Zusammenhang nur auf die Studie „Stanford Study of Writing“ mit folgender Aussage aufmerksam machen. „Tatsächlich werde mehr geschrieben als je, weit mehr, und das liege vor allem daran, dass das Internet zu einem zentralen öffentlichen Ort geworden sei, der sich nur durch geschriebene Sprache erschließe.

Weiterführend:

– Winfried Marotzki, Multimediale Kommunikationsarchitekturen: Herausforderungen und Weiterentwicklungen der Forschung im Kulturraum Internet, erschienen in der Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung; http://www.medienpaed.com (11.04.2008)

– „Revolution des Schreibens“ (28.08.2009)

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