anonymisierte Bewerbung

Wie ungewohnt und irritierend erschien mir der Gedanke, ein Bewerbungsanschreiben ohne ein Bewerbungsfoto, ohne die Angabe des Namens, des Alters, der Herkunft, des Familienstandes und des Geschlechts in den Händen zu halten.

In einem kurzen Austausch mit Freunden erfuhr ich, dass in den USA diese Art der Bewerbung gängig ist. Ursache dafür sind die strengen US-amerikanischen Gesetze gegen Diskriminierung und die Angst vor Klagen abgelehnter Bewerber. In Deutschland wird auf dieses Phänomen der (unbewussten und bewussten) Diskriminierung gegen Ältere, Frauen mit Kindern und Bewerber mit Migrationshintergrund durch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) (Pressemitteilung vom 26.03.2014 zur Ausbildungsstudie des SVR-Forschungsbereichs) und des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hingewiesen.

Im nachfolgenden Text gehe ich zuerst auf eigene Gedanken und Erfahrungen zu unterbewussten Vorurteilen in Bewerbungsunterlagen ein. Daraufhin greife ich einen formulierten Nachteil für Berufsanfänger in anonymisierten Bewerbungen auf. Weiterhin folgt eine Gegenüberstellung von Vor- und Nachteilen einer anonymisierten Bewerbung. Abschließend wird kurz eine Studie aus dem Jahr 2011 erwähnt, in der große Unternehmen für ein Jahr neue Mitarbeitende über ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren einstellten.

unterbewusste Vorurteile – am Beispiel des Bewerbungsfotos

img_20160909_195138Beim weiteren Nachdenken, fand ich das Weglassen des Bewerbungsfotos, sogar sehr pragmatisch.

Wie oft wusste ich nicht, was ich darauf anziehen sollte und wurde so manches Mal von dem Fotografen dazu aufgefordert mehrere Outfits mitzubringen. Weitere Fragen quälten mich: Wie offen darf man auf Bewerbungsfotos lächeln, um überhaupt noch als kompetent wahrgenommen zu werden? Sollte ich meine Haare lieber zu einem Zopf zusammenbinden, zu einer Hochsteckfrisur drapieren oder sie doch lieber offen tragen? Für jedes neue Bewerbungsschreiben hätte ich erneut zum Fotografen rennen können und jede der offenen Frage anders beantworten.

Und dennoch, nach jedem Foto, welches ich der Bewerbungsmappe beifügte, beschlich mich das unwohle Gefühl, dass allein dieses Foto über Qualifikation oder Disqualifikation entschied. Ungerecht fand ich das! Aber es war doch nur meine Fantasie, beruhigte ich mich immer wieder. Bis meine Fantasie immer wieder bei dem folgenden Gedanken stecken blieb: Wenn ich (jung normal aussehende Frau) mich schon so unwohl gefühlt habe, wie musste es dann erst Menschen ergehen, denen man körperliche Beeinträchtigungen auf dem Foto ansah?

(Ich bin mir aber nicht sicher, ob das Weglassen des Bewerbungsfotos für viele Fotografen erhebliche finanzielle Einbußen bedeuten würde.)

Erfahrung als personalisiertes Aquivalent in dem Bewerbungsanschreiben ?

Bei meiner Recherche wurde ich bei fast jedem zu lesendem Artikel mit den einleitenden Worten begrüßt, dass sich Menschen im Bewerbungsprozess mit unterbewusst verankerten Vorurteilen begegnen. Diese unterbewussten Vorurteile werden durch personifizierte Angaben und deren Wirkung auf unsere Wertvorstellungen hervorgerufen. Aus diesem Grund wurde das anonymisierte Bewerbungsverfahren entwickelt, in dem die Leistung und die Eignung des Bewerbers im Vordergrund stehen sollte. Einer der Kritikpunkte am anonymisierten Bewerbungsverfahren verweist jedoch darauf, dass gerade Berufsanfänger Nachteile in diesem Bewerbungsprozess erfahren, da sie über wenige Qualifikationen verfügen.

Ich dachte an meinen Aufenthalt in San Francisco (Link zu einem früheren Blogbeitrag)

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Runway: Coworking Space in San Francisco

und meinen Besuchen in dieser Startup Welt zurück. Viele vorwiegend junge Menschen hatten sich über anonymisierte Bewerbungsverfahren für diverse Jobs in den einzelnen Startups beworben. Erinnerungen an Gespräche lenkten den Fokus meiner Aufmerksamkeit darauf, dass sich die Bewerbenden bereits früh, während ihrer Schul- und Studienzeit immer wieder um Praktikas, Qualifikationen und Jobs bemüht hatten, mit denen sie jetzt ihre Bewerbung aufwerteten. Ich war zuweilen sehr beeindruckt über die Anzahl der Erfahrungen. Bewerbungen, die wenig Erfahrungen aufwiesen, hatten es hingegen schwerer in die nächste Auswahlrunde zu gelangen. Allerdings wurde auch der Wert der Jugend, der mit einer solchen Bewerbung einhergehen kann, wertgeschätzt. Das bedeutet allerdings wiederum, dass indirekte Rückschlüsse auf individuelle Anteile in der Bewerbung durchaus möglich sind.

 

 Vor- und Nachteile anonymisierter Bewerbungsprozesse

In dem Blog karrierebiebel, das sich dem Bewerbungsprozess und der Jobfindung widmet, werden in dem Artikel vom 07.03.2017 „Anonyme Bewerbung“ Vor- und Nachteile anonymisierter Bewerbung aufgelistet. Eine kritische Betrachtung der aufgeführten Punkte zeigt auf, dass einzelne Vor- und Nachteile, je nach Unternehmens- und Ausschreibungsart mehr oder weniger zutreffend sind. Aufgefallen ist mir in den gesuchten Gesprächen, dass selbst in einer anonymisierten Bewerbung Rückschlüsse auf den zu Bewerbenden möglich sind. Dennoch bilden sie einen Anfang in der entsprechenden Diskussion.

Pro:

  • Chancengleichheit: Auch Bewerber, die mit Vorurteilen kämpfen, haben die Chance durch ihre Qualifikationen zu überzeugen.
  • Effizienzsteigerung: Durch das standardisierte Verfahren, erhalten die Personalchefs die Informationen zu den Bewerbern in komprimierter Form. Die Sichtung aller Kandidaten wird vereinfacht.
  • Vergleichbarkeit: Schlüsselinformationen sind besser ersichtlich und können leichter miteinander verglichen werden.
  • Vielfalt: Dadurch, dass keine personenbezogenen Daten bekannt sind, können neue Bewerbergruppen erschlossen werden.

Contra:

  • Berufsanfänger: Für Bewerber mit wenig Erfahrung ist das Verfahren ungeeignet, da sie noch nicht über genügend Qualifikationen und Stationen im Lebenslauf verfügen, um sich hervorzuheben.
  • Aufschub: Kritiker behaupten, dass sich an der Diskriminierung nichts ändere, da diese nur in die zweite Runde, in der die personenbezogenen Daten bekannt sind, verschoben würde. Bloß weil jemand zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird, bedeutet das nicht, dass er auch den Job erhält.
  • Bürokratie: Der bürokratische Aufwand ein passendes Formular zu erstellen und eine detaillierte Stellenausschreibung zu entwickeln ist größer, als in einem normalen Bewerbungsverfahren.
  • Individualität: Der individuelle Berufsweg und die persönlichen Umstände finden keine Beachtung. Kritiker sind der Meinung, dass es nicht unbedingt aussagekräftig sei, allein die Leistungen zu bewerten.
  • spezifische Stellen: Das Verfahren eignet sich nicht, um jede Stelle zu besetzen. Bei der Besetzung von Führungspositionen und Kreativstellen ist die Anonymität des Kandidaten eher hinderlich.

Pilotprojekt mit Begleitstudie

2011 initiierte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ein Pilotprojekt. Neun Arbeitgeber erklärten sich für die Dauer von einem Jahr bereits, neue Mitarbeitende über anonymisierte Bewerbungsverfahren zu finden. Zu diesen Arbeitgebern zählten u.a. die Deutsche Telekom, Deutsche Post und Procter & Gamble auch Mydays und die Stadtverwaltung Celle.

8.500 Bewerbungen wurden anonymisiert ausgewertet und 246 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze besetzt. Mydays behält auch weiterhin das Verfahren für einige Stellen bei, während die Deutsche Telekom und die Deutsche Post nach dem Jahr Abstand davon genommen haben.

Das Ergebnis war, dass insbesondere die Chancen von Frauen und Migranten sich durch das Verfahren erheblich verbessert hatten. Kritik gab es vor allem daran, dass es keine Vergleichsgruppe gegeben hätte und dem ganzen Abschlussbericht konkrete Daten und Zahlen fehlen.