Pendelgeschichten: Gespräche, die irgendwo zwischen Faszination und Belästigung liegen

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Kölner Dom

Ich habe keine andere Wahl! Ich muss den Stimmen aus der Umgebung, die ungewollt und aufdringlich an mich herantreten, lauschen. Entziehen kann ich mich diesen nicht, jedenfalls nicht so leicht. Die kräftige Stimme des jungen Mannes verfolgt mich, es würde nur ein Ortswechsel helfen. Aber ich bin doch eigentlich froh, dass ich einen bequemen Platz gefunden habe und bis auf diese Stimme, der man sich nicht entziehen kann, ist doch alles toll!

Langsam wird das, was die Stimme sagt, sogar interessant. Der Studierende um die 24 Jahre leitet mit der Spontanität und Leichtigkeit junger Menschen das Gespräch auf bewundernswerte Weise. Es ist beeindruckend, dass sich der gestandene Geschäftsmann, der ihm gegenüber sitzt, sich von seiner Art mitreißen lässt, von sich sogar intime Gedanken preisgibt. Die offene, höfliche neugierige aber unentkommbaren Art des jungen Mannes, die ich im gewissen Sinne auch als Naivität junger Menschen, die nur die Extreme kennen, bezeichnen würde (ich hoffe, ich falle auch noch darunter ;)) gestaltet einen spannenden Gesprächsverlauf.

In dieser Atmosphäre kann man leicht mal übersehen, dass einiges, was der Studierende  in seiner charmanten Art und Weise sagt auch in Form einiger Textpassagen aus Boulevardblättern stammen könnte.

Der ICE hält am Frankfurter Flughafen. Ich bin freue mich über die mich nun anschließend umgebende Ruhe, sobald ich die DB Lounge erreicht habe. Keine fünf Minuten später sitze ich mit meinem Cappuccino in einem Sessel der Lounge, als auch hier wieder  sich ein Gespräch langsam, aber unentziehbar meinen Ohren nähert. Dabei saß ich vor den beiden Männern da!

Wieder trauere ich der Ruhe nach, doch dann werden meine Ohren immer spitzer? In was für einer Situation befinden sich auch diese zwei Männer, die sich an einem Tisch gegenüber sitzen? Der Jüngere der beiden berichtet, angeregt von den gesprächsleitenden Fragen des Älteren von seiner Auszeit in der Arbeit, von Work-Life Balance, etc. Der Ältere scheint von dem Jüngeren fasziniert zu sein, legt ihm viele Ideale in das Wort.

Bei weiterem Zuhören verstehe ich, dass es sich um ein Einstellungsgespräch für einen Key Account Manager handelt. Spannend, dass Einstellungsgespräche auch schon in der DB Lounge geführt werden.

Der Ältere versucht mit seiner Begeisterung für den Bewerber die Nachteile seiner Firma zwar klar und deutlich aufzuzeigen, aber auch das Potenzial zu verdeutlichen. Bevor ich herausfinde, wie sich das Gesprächsverhältnis mit diesem Wendepunkt wandelt, muss ich auch schon aufbrechen.  Ein wenig trauere ich dem Abbruch meines ungewollten Lauschangriffes nach, aber ich vertraue darauf, dass mich weitere Stimmen finden werden …

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