Information Overload

Tag für Tag, Stunde für Stunde und Sekunde für Sekunde erreichen uns unzählige Informationen. Twitter ist nur eine Applikation, die die zahlreichen Informationen zum Teil sichtbar gestaltet. Weswegen gerade Twitter immer wieder auch als Rauschen bezeichnet wird (Beispiel: „Wie reduziere ich das Twitter rauschen?“ von Viralbuzz vom 11.12.2009 ). Als Nutzer gestaltet es sich schwierig diese Tools kompetent zu nutzen. Die Herausfordrung des Nutzers besteht darin Informationen zu filtern, die für ihn relevant sein können und dennoch so viel Spielraum zuzulassen, um auf neue für ihn bedeutsame Hinweise durch andere aufmerksam zu werden.

In der heutigen Welt sind wir aufgefordert eine dementsprechende Kompetenz zu entwickeln, die allerdings nicht neu ist! Zygmunt Bauman beschreibt 1993 auf S.17 eine bereits weit verbreitete Grunderfahrung der Menschen in der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. „Heutzutage scheint sich alles gegen … lebenslange Entwürfe, dauerhafte Bindungen, ewige Bündnisse, unwandelbare Identitäten zu verschwören. … die Bindung gilt von vornherein nur ‚bis auf weiteres’, die intensive Bindung von heute macht Frustrationen morgen nur umso heftiger:“ Bauman vergleicht den Menschen der Spätmoderne mit einem Vagabunden, der ruhe- und orientierungslos seine Aufenthaltsorte wechselt, fortgetrieben von der nie versagenden Hoffnung, der nächste Ort wird frei sein von den bisher erlebten Mängeln. Mit dieser chronischen Rastlosigkeit und fieberhaften Suche haben wir uns bis heute noch nicht ausreichend auseinandergesetzt. Noch immer fehlt es uns an der notwendigen Kompetenz eine Auswahl zu treffen und uns zu entscheiden, wer wir sein wollen. Ulrich Beck beschreibt diese Einstellung in „Riskante Freiheiten: Individualisierung in modernen Gesellschaften“  als Individualisierung, mit der neue Freiheiten und Handlungsspielräume entstanden sind.

Es wird helfen, wenn wir die Kompetenz erlernen, eine auf uns abgestimmte Auswahl treffen zu können. Dazu bedarf es jedoch an Orientierung in Form eines reflektierten Selbst- und Weltverhältnisses. Mit Hilfe selbstreflexiver Lern- und Orientierungsprozesse, setzen wir uns immer wieder neu  mit der Frage nachdem, was und wie wir sein wollen, auseinander. Mit einem herbeigeführten Entscheidungsprozess entfliehen wir der Entscheidungsunfähigkeit und damit im „Sumpf“ der Möglichkeiten starr zu versinken.
Unsere gesellschaftliche, politisches und technologische Umwelt wird immer komplexer. Web 2.0 baut auf dem Web auf, dass noch nicht mal bei allen in der Bevölkerung angekommen ist. Setzen wir uns nicht aktiv mit unserer Umwelt auseinander, verlieren wir die Zusammenhänge einzelner Ereignisse aus dem Blick. Mit den Fortschritten in der Informationstechnologie und dem Informationsüberfluss, den die vielen Medien verursachen, verschärft sich die Problematik des Verstehens zusätzlich. Immer weniger Menschen sind in der Lage mit dem Fortschritt die gesellschaftlichen, politischen und technologischen Problemen in ihrer Ganzheit zu verstehen. Vielen ist es unmöglich geworden die Vielzahl an Informationen in einen richtigen Zusammenhang zubringen.
Dabei haben wir einen digitalen Vorteil! Jörg Wittkewitz schreibt: „Wir leben in den Zeiten des Überflußes, nicht Überfluß an Geld oder Wasser aber eben an digitalisiertem Wissen. […]Jetzt gibt es viele sehr gute Texte und Ideen überall im Web kostenfrei.“ Damit haben Probleme nicht mehr eine richtige oder eine falsche Lösung, sondern denkbar sind mehrere Lösungen, die alle ihre Vorteile und Nachteile haben. Deshalb bedeutet Entscheidungsfindung immer mehr ein Abwägen von Vor- und Nachteilen und nicht mehr ein Suchen nach dem absolut Richtigen.

Diese Form der Entscheidungsfindung erfordert ein breites Orientierungswissen, um Auseinandersetzungen mit sich und der Umwelt einzuleiten (deklaratives Wissen). Des Weiteren müssen wir in der Lage sein, Hypothesen anderer zu beurteilen, um die Vor- und Nachteile auf das eigene Selbst abschätzen zu können (prozedurales Wissen). Peter Kruse weist in diesem Zusammenhang daraufhin, dass wir berücksichtigen müssen, in welchem Kontext dieses Wissen entstanden ist und welche Wertemuster dem Entstehungsprozess zugrunde lagen. Die Intuition nimmt dabei einen besonderen Stellenwert ein, die auf einem langen Lernprozess beruht (Peter Kruse ab Minute: 2:15 und  3:46).

In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Neuerscheinung von Silbermond hinweisen. Ich war beeindruckt, als ich das erste Mal dieses Lied gehört und es unter der Perspektive „Riskanter Freiheiten und dem Wunsch nach Sicherheit“ in Form von Ulrich Beck betrachtet habe. Es fasst auf emotionaler Weise diesen Artikel zusammen.

Weiterführende Links:

  • Educamp-Wiki: Podiumsdiskussion mit Graham Attwell und Steffen Büffel als Moderatoren und Cristina Costa, Thomas Sporer, Philipp Königs, Karsten Wolf, Helen Kagan und Andrea Back als Experten
  • Jörg Wittkewitz auf digitalpublic.de über „David Weinberger: Wissen im Überfluss“ (19.02.2009)
  • Vgl. strukturale Medienbildung (Marotzki/Jörissen)

Interne Links:

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  1. Pingback: “Edupunk - Befreit das Bildungssystem!” « gophi’s Versuch einer Methexis

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