Unterschiedliche Formen der Sozialisationserfahrungen während der Kindheit (Ausschaltungskonkurrenz – Entfaltungskonkurrenz)

Ein Kind hat bis zum 6./7. Lebensjahr in einem atemberaubenden Tempo eine emotionale Intelligenz erarbeitet. Das Kind ist von nun an in der Lage Zurückhaltung zu üben, sich einzufühlen, eine lebhafte Fantasie und Toleranz zu entwickeln. In den davor durchlaufenden Entwicklungsstufen war es noch nicht fähig sich in andere Personen (vorwiegend Kinder und Tiere) hineinzuversetzen. Bis zu diesem Entwicklungsgrad hatten die 2-5jährigen ein ganz unmittelbares Verhältnis zur Wirklichkeit. Was sie in diesem Zeitraum sahen, existierte, was sie nicht sahen, existierte nicht. Ein lustiges Beispiel dafür ist das „Kinderspiel“, wenn sich ein Kind die eigenen Augen zuhält und der Meinung ist, dass, wenn es sich selbst nicht sieht, andere es auch nicht sehen können.

Die Ausprägung einer emotionalen Intelligenz ist die Vorraussetzung für einen sich nahtlos anschließenden Beginn der Ausbildung sozialer Intelligenz. Mittels Empathie könnte das Kind lernen, sich in andere Personen hineinzuversetzen (vgl. George Herbert Mead: symbolischer Interaktionismus). Eine bessere Ausprägung von emotionaler Intelligenz vollzieht sich bei vielen Kindern ab diesem Alter leider jedoch nicht mehr.

Warum? Antwort: Weil das Kind dann in die (öffentliche) Schule geht! (Arbeitsthese)

Lernen als sozialer Interaktionsvorgang wird in der Schule nicht angewandt (außer Montessori und in der Waldorfpädagogik). An öffentlichen Schulen wird die Förderung von sozialer Intelligenz vernachlässigt, zugunsten rationaler Inhalte. Nur wenige Lehrer an öffentlichen Schulen fördern die reichhaltige Begabung, die schöpferischen Energien und die Möglichkeiten ihrer Schüler. Diese Lehrer haben jedoch nur selten die Chance, sich mehreren Kinder anzunehmen.

Die Kinder in einer Klasse könnten sich dabei einander helfen, denn sie wissen ja voneinander. Anstelle dessen muss jeder Einzelne für sich lernen. Würde Fritz, der in Mathe sehr gut ist, Karl die Aufgabe erklären, wird Fritz als Unterrichtsstörung bezeichnet. Fritz darf es vor allem dann nicht Karl erklären, wenn Karl es dringend benötigt, wie bspw. in einer Klassenarbeit. Wenn Fritz jetzt Karl die Aufgabe erklärt, gilt das nicht mehr nur als Unterrichtsstörung, sondern dann ist das ganze auch noch ein Betrugsversuch.

Mit dem Prozess der Ausschaltungskonkurrenz, umschreibt Peter Nieschmidt das Erlernen des Individualismus. Das Kind lernt nicht zu kooperieren, indem es sich von den anderen durch eigene Leistungen abhebt. Die Ausbildung einer persönlichen Identität wird dem Individuum als Eigenleistung abverlangt. Beck umschrieb diesen Anspruch an derzeitige Sozialisationsprozesse 1994 folgendermaßen: „Du darfst und du kannst, ja du sollst und du musst eine eigenständige Existenz führen, […].“ (Beck 1994, S.25)

Einen anderen Ansatz kann man in intakten Familien beobachten. Eine Mutter würde jedem ihre Kinder ihre Liebe gleichermaßen schenken und nicht das eine dem anderen gegenüber bevorzugen. Hier wird eine Entfaltungskonkurrenz gefördert. Mit Empathie und Beobachtung erkennt sie die Vorzüge jedes ihrer Kinder und fördert diese dementsprechend.

Vielleicht könnte man mit diesem Ansatz, die erschreckenden Auswüchse, wie in Winnenden, an der Virginia Tech Universität in den USA, von Vereinsamung und Ausgrenzung, die mit dem Individualismus einhergehen, begegnen.

P.S. Liebe Eltern, wenn einmal wieder ein grauer Brief von der Schulleitung wegen Betrugsversuch zu Ihnen nach Hause kommt, dann könnten sie diesen Brief auch als Dokumentation eines gescheiterten Kooperationsversuches interpretieren.

Weiterführende Verlinkungen:

Mixtape: Schnellschuss

Homepage: Prof. Dr. Peter Nieschmidt

Interne Verlinkungen:

Reisebeobachtungen: vom jugendlichen Tausch der Glasmurmeln, über Pokemon zu Video und Audioclips und Annäherungsversuchen … soziale Interaktionen über den Vermittler „Handy“

Social Learning Summit 08: Keynote: “Spielend lernen – zukunftsweisende Wissensvermittlung”

LdL (Lernen durch Lehren) als Anregung zur gemeinsamen Wissenskonstruktion in virtuellen Gemeinschaften?

erster Entwurf gegen eine Verschärfung von Gesetzen, die sich gegen Computerspiele richten

One thought on “Unterschiedliche Formen der Sozialisationserfahrungen während der Kindheit (Ausschaltungskonkurrenz – Entfaltungskonkurrenz)

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