„Medienbildung“ trifft auf „Medienaneignung“: Zwei verschiedene erziehungswissenschaftliche Ansätze versuchen sich gegenseitig zu bereichern

Bei der Hans-Böckler Stiftung ging ein Antrag ein, über den demnächst entschieden wird. Geplant ist eine Kooperation zwischen der Universität Leipzig und der Universität Magdeburg. Zusammen will man ein Promotionskolleg anbieten.

Ich finde dieses Ziel sehr wichtig. Beide erziehungswissenschaftliche Fakultäten setzen sich mit der Rolle der Medien in der Sozialisation auseinander. Eines der Medien, dem sich beide Institutionen widmen, ist unter anderem das Web. In dessen Strukturen habe ich erfahren habe, wie Synergien und Emergenzen neue und eigene Ideen erweitern und anregen können, mit deren Hilfe sehr gute Projekte entstehen und tolle Ideen umgesetzt werden können. Die Infrastruktur des Webs hinterfragt bestehende Grenzen (Privatheit-Öffentlichkeit, Realität-Virtualität, Freizeit-Beruf etc.). Die Möglichkeit universitäre Grenzen anzusteuern und somit zu testen gefällt mir daher besonders gut.

Beide Universitäten begegnen sich jedoch mit unterschiedlichen Grundlagen. An der Universität Magdeburg hat Winfried Marotzki zusammen mit Benjamin Jörissen den Begriff der Medienbildung entwickelt. Bernd Schorb hat hingegen an der Universität Leipzig den Begriff der Medienaneignung geprägt.

Können sich beide Begriffe begegnen und sich gegenseitig bereichern? Oder ist selbst in der gleichen Fachrichtung eine Grenze mit tiefem Abgrund entstanden?

Das Konzept der Medienbildung hat sich aus bildungstheoretischen, medientheoretischen und kulturtheoretischen Einflüssen expliziert. (1) Marotzki/Jörissen bezeichnen das Konzept der Medienbildung selbst, als ein noch sehr junges Konzept, sodass „gegenwärtig und auch zukünftig in Abhängigkeit der jeweils in Anschlag gebrachten bildungstheoretischen Rahmungen“ Variationen des Konzeptes durchaus noch zu erwarten sind (Marotzki/Jörissen in „Handbuch der Medienpädagogik“, 2008, S.100).

Der Ansatz der Bildungstheorie lässt sich daraus herleiten, dass sich das Individuum in ein reflektiertes Selbst- und Weltverhältnis stellt. Das Modell der Medienbildung basiert somit auf einer strukturalen Bildungstheorie, in der Bildungsprozesse als selbstreflexive Lern- und Orientierungsprozesse definiert werden. Bildung wird durch reflektierte Selbst- und Weltverhältnisse des Individuums induziert. Bildung wird aus dieser Perspektive nicht als Ergebnis oder Zustand bezeichnet, sondern als einen Prozess. Der Anspruch der Bildung begründet sich in der Aufforderung an das Individuum, wie auch an die Gesellschaft im Allgemeinen, dass „vorhandene Strukturen und Muster der Weltaufordnung durch komplexere Sichtweisen auf Welt und Selbst ersetzt werden (Marotzki 1990).“ (2).

Bildungs- und Subjektivierungsprozesse sind grundsätzlich medial geprägt. Sie ereignen sich in kulturellen Lebenswelten und medialen Interaktionszusammenhängen. Aus diesem Grunde hat es sich die Erziehungswissenschaft an der Uni Magdeburg zur Aufgabe gemacht, die Medienbildung systematisch zu ergründen. Lernen entsteht in einem Prozess der Herstellung von Bestimmtheit in Bezug auf Welt und Selbst (Wissen). In der heutigen Zeit, die durch die weniger reflexive Form des Lernens gekennzeichnet ist, indem durch Kontextualisierung, Flexibilisierung, Dezentralisierung und Pluralisierung von Wissen- und Erfahrungsmustern Unbestimmtheit hergestellt wird, bietet die Medienbildung Orientierung und somit Handlungsräume an. Die Moderne, die in der Bildung durch Orientierungsverlust gekennzeichnet ist (vgl. Ulrich Beck (1984), Anthony Giddens (1996) etc.), könnte damit in der Gegenwart Kernkompetenzen der Lebensbewältigung gewinnen. Dem Individuum kann bewusste soziale und kulturelle Partizipation ermöglicht werden. Die Medienbildung fordert den Einzelnen stetig dazu auf, die vorhandenen Denk- und Handlungsmuster zu überprüfen und reflexiv zur Disposition zu stellen, wenn es notwendig ist. Flexibilisierung ist nach Sennett (1998) eine moderne Errungenschaft, dessen übersteigerte und unkritische Übernahme jedoch katastrophale Auswirkungen hat. Flexibilisierung in der Bildung angewendet, kann es bedeuten, dass sich neue Situationen offen gehalten werden, in denen sich neue Erfahrungsräume erschließen und in denen man lernt, mit Unbekannten umgehen zu lernen (Jörissen 2007).

Der Begriff der Medienkompetenz ist im Sinne der Medienbildung nicht zielführend. „Medienbildung umfasst daher ausdrücklich nicht nur Fertigkeiten in der Nutzung von Medienbeiträgen, sondern auch die Fähigkeit, Medieninhalte oder gar Mediensysteme kritisch und kompetent zu reflektieren, Medienwirkungen zu erkennen oder selbst kompetent eigene Medienbeiträge zu produzieren.

(3)

Das Konzept der Medienaneignung ist an der Universität Leipzig unter Bernd Schorb entwickelt worden, der die Medienpädagogik als handlungsorientierend beschreibt. Ebenso, wie bei Marotzki/Jörissen steht das Subjekt, als ein im sozialen Raum handelndes Individuum, dass Orientierung bedarf, im Mittelpunkt. Das Subjekt wird somit von dem sozialen Raum mit seinen Medien in seinen Handlungen geprägt.

Die Medienpädagogik ist unter Schorb eine Handlungswissenschaft. „Der Prozess der Nutzung, Wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung von Medien aus der Sicht der Subjekte unter Einbezug ihrer – auch der medialen – Lebenskontexte.“ Die Grundlage der Leipziger Perspektive stützt sich auf die Erfassung des Verhältnisses von Menschen und Medien sowie der Zusammenführung von Medienalltag und Medienhandeln (Schorb 2008 in Handbuch Medienpädagogik in: Sander, Uwe; von Gross, Friedrike; Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.). S.75). Weiterhin bezeichnet Schorb die Medienaneignung als integrale Medienpädagogik, da sein Ziel darin besteht, eine Grundlage für pädagogisches Handeln zu entwickeln, indem eine Zusammenführung theoretischer und empirischer Erkenntnisse der eigenen und verwandten Disziplinen erfolgen soll. Den Inhalten und den Auswirkungen der einzelnen Medien wird nachgegangen, um daran anschließend ein medienpädagogisches Konzept für dieses Medium zu entwerfen. Medienaneignung ist die Verbindung aus Mediennutzung und -wahrnehmung, Bewertung und Verarbeitung ihrer Botschaften und Handlungsoptionen. Die Ziele von Schorb sind demzufolge

  1. die Erweiterung der Wahrnehmungs- und Reflexionsfähigkeit,
  2. die Erweiterung der Handlungsfähigkeit, in Bezug zu technischen Handlungswissen, Wissen über die Gestaltung einer Medienproduktion und sozialen Handlungswissen,
  3. die Fähigkeit bewusst zu kommunizieren,
  4. die Stärkung der Verhaltenssicherheit in unterschiedlichen sozialen Situationen und
  5. die Befähigung, die eigenen Interessen selbstkritisch zu erkennen und kreativ umzusetzen.

Die Medienkompetenz wird anders, wie in der Medienbildung, von der Medienaneignung integriert. Der Begriff der Medienkompetenz vereint die Fähigkeit, Medien zu bewerten und mit ihnen handlungsfähig zu bleiben.

Fazit: Medienaneignung und Medienbildung beruhen auf zwei sehr unterschiedlichen Ansätzen, die nur wenige gemeinsame Schnittmengen aufweisen können. Die Medienaneignung setzt sich mit konkreten Sozialisationsmustern auseinander und ist somit sehr nahe an den Alltag gekoppelt. Die Medienbildung hingegen versucht ein allgemeines überordnendes Konzept zu entwickeln, das unabhängig vom jeweiligen konkreten Medium angewendet werden kann.

Auf eine Zusammenarbeit bin ich sehr gespannt.

Quellen:

  1. Sander, Uwe; von Gross, Friedrike; Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.). (2008): Handbuch Medienpädagogik in: Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften,
  2. Marotzki, Winfried (1990): Entwurf einer strukturalen Bildungstheorie : Biographietheorethische Auslegung von Bildungsprozessen in hochkomplexen Gesellschaften. Weinheim: Deutscher Studienverlag
  3. BullinoBlog: 08.02.2009: Medienpädagogik, Medienkompetenz, Medienbildung
  4. MedienABC: 27.01.2009: Medienbildung ist Teil der Allgemeinbildung
  5. PowerPointfolie zu Medienbildung und Medienkompetenz:
  6. Meyer, Scheibel, Münte-Goussar, Meisel, Schawe (2008): Bildung im Neuen Medium. Münster: Waxmann-Verlag
  7. Schorb, Bernd: Vortrag: Integrale Medienpädagogik
  8. Schorb, Bernd: Medienalltag und Handeln, Googel-Books

One thought on “„Medienbildung“ trifft auf „Medienaneignung“: Zwei verschiedene erziehungswissenschaftliche Ansätze versuchen sich gegenseitig zu bereichern

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