Überarbeitete Fassung von „20 h Begegnung“

Der Unterschied zur ersten Version besteht darin, das ich in der überarbeiteten Fassung versucht habe, die verschwimmende Grenze zwischen den Feldern: Privat – Beruf, zu integrieren.

20 h Begegnung

Schüchtern drangen warme Sonnenstrahlen bis zu Patrick vor und wärmten ihm seit vielen winterlichen Tagen zum ersten Mal wieder das Gesicht. Patrick stand an der Kai im Hafen von Kiel und schloss die Augen, um den zaghaften Tanz der Wärme auf seinem Gesicht intensiver wahrzunehmen.

Nur wenige Meter von ihm entfernt, stand ein Mann im gleichen Alter, der ebenfalls auf die ankommende Fähre wartete, die ihn nach Oslo bringen sollte. Er war soeben aus dem Bus ausgestiegen. Wäre er aus dem nachfolgenden Bus ausgestiegen, hätte er die Fähre verpasst. Abgekämpft sah er aus, dennoch spiegelte sich ein tiefes rätselhaftes Lächeln in seinen Augen wieder. Ob er, der seit seiner Ankunft unentwegt auf seinem Handy herumtippte, auch nach Norwegen wollte? Patrick hatte wenig Lust diesen Fremden danach zu fragen. 20 Stunden Fahrzeit würde die Fähre nach dem Prospekt für diese Reise benötigen, die Patrick als Sonderangebot an dem schwarzen Brett seiner Uni entdeckt hatte. Er sollte in den nächsten Tagen sein Praktikum in Oslo beginnen. Alle Flüge waren ausgebucht, so dass ihm nur noch die Fähre als Transport zur Verfügung gestanden hatte. Um Geld zu sparen, ließ er sich auf einen Kompromiss ein, mit einem Fremden eine Kabine zu teilen. Er hoffte, dass wenige Passagiere an Bord sein werden, um seine Kabine nicht teilen zu müssen. Vom Fernseher hatte er gelernt, dass Unbekannte, sich schnell als gefährlich oder nervend entpuppten. Einen vorsichtigen Blick warf er dem neben ihm stehenden Mann entgegen, der gerade lachte und daraufhin sein Handy wegsteckte.

Beide Blicke trafen sich. Während Patrick hastig zu den sich wellenwiegenden Möwen herübersah, lächelte ihn der Unbekannte an und kam bedrohlich nahe auf ihn zu. Mit den Worten: „Ich bin Chris“ stellte er sich unverblümt und mit warmer Stimme vor. Patrick lächelte ihm qualvoll entgegen. Doch bevor er sich eine Antwort überlegen konnte, kam ihm der Fremde zuvor. „Ein wunderbarer Tag ist heute. Die Sonne beginnt langsam wieder unser Land zu wärmen. Und wir beide fahren nach Norwegen, um der Sonne zu entkommen.“ Chris lachte schelmisch. Patrick lächelte zaghaft mit. Er wunderte sich darüber, wie vertraut Chris mit Fremden sprach. Berührungsängste schien er nicht zu haben und gleichzeitig strahlte er eine kindlich Naivität und Neugier aus. „Meine Freunde haben gerade ein Foto erhalten, sie wissen jetzt um die Schönheit dieses Ortes zu dieser Tageszeit und freuen sich für mich mit.“ Unverständlich schaute Patrick Chris an. Wie konnte er in dieser kurzen Zeit mehrere Freunde informieren?

Chris hatte die unausgesprochene Frage in Patricks Gesicht erkannt. Mit unverhoffter Schnelligkeit öffnete er sein Handy. Patrick war überrascht, dass Chris keine Gedanken daran hegte, dass er vielleicht etwas „Geheimes“ lesen konnte. Er würde seinen Handyinhalt vielleicht seiner Freundin zeigen, sonst aber niemanden. Chris schienen diese Gedanken fremd zu sein. Noch mehr staunte er, dass Chris mittels seines Handys auf das Internet zugriff. Davon hatte Patrick schon etwas im Fernsehen gehört, selber hatte er es sich noch nicht daran gewagt. Eine Webseite kam zum Vorschein, in der sich viele Menschen über alles zu unterhalten schienen. Heilloses durcheinander sah Patrick, dem er nicht folgen konnte. Erst mit der Hilfe von Chris kam Struktur in das Chaos und jetzt sah er das Bild des Hafens und die Reaktionen darauf. Chris nannte die Kommentare zum Foto von anderen Menschen, die nicht vor Ort anwesend waren, liebevoll seine Follower.

Für einen Moment beneidete er Chris. Er schien niemals allein zu sein. Patrick hingegen war allein. Mit niemandem hatte er seine Gedanken ausgetauscht. Patrick bekam eine Ahnung davon, dass Teilen Mehrwert und Freude bedeuten konnte.

Nachdenklich ging er auf die ankommende Fähre, wo ihm mitgeteilt wurde, seine Kabine teilen zu müssen. Gerne hätte sich Patrick seinen Mitbewohner auf Zeit selber ausgesucht.

Im zugewiesenen Quartier begegnete er Chris wieder. Chris lachte laut auf und zückte sein Handy, während er Patrick überschwänglich begrüßte: „Wer immer kommt, er ist genau der Richtige!“ Wieder sah ihn Patrick irritiert an. Chris zeigte ihm seinen Eintrag. Nun wurde Patrick selbst von den Followern überschwänglich empfangen. Patrick fühlte sich dazugehörig und war stolz darauf. Im Anflug des Zutrauens fragte er Chris, ob er sich ebenfalls das Geld für ein einzelnes Quartier sparen wollte? Diesmal war Chris derjenige, der ihn verwundert ansah und in Patricks Magen schlich ein unwohles Gefühl. Er ärgerte sich über seine leichtsinnige Frage im Anflug einer Woge des Vertrauens. Chris schüttelte mit dem Kopf und berichtete ihm, dass es seiner Lebenshaltung entspricht, anderen zu begegnen und dass er bewusst nach Andockmöglichkeiten suche. Daraufhin verließ Chris mit einem Laptop die Kabine. Er murmelte noch etwas davon, dass er in der Kantine auf der Suche nach Kaffee und Strom etwas für einen seiner besten Kunden, der im Krankenhaus lag, erledigen wollte.

Patrick legte sich auf sein Bett und starrte an die Decke. Was konnte man auf einer Fähre Geschäftliches aufarbeiten? Die Kabine war ohne Fernseher, weswegen er ein Buch aus der Tasche zog, das er aber noch kurzer Zeit weglegte. Seine Gedanken kreisten um Chris und liebend gern hätte er sich mittels eines Fernsehers davon abgelenkt. Stattdessen zog er sein Handy hervor und beschäftigte sich die nächsten Minuten mit einem Spiel. Dann, auf einmal war das Signal weg. Sie mussten sich außerhalb des Funknetzes befinden und Patrick beschlich die neugierige Frage, ob sich sein Mitbewohner nun genauso allein und verlassen vorkam?

Er huschte aus der Kabine und fand Chris, wie er sich angeregt mit einem Fremden unterhielt. Chris Handy lag neben dem ausgeklappten Laptop und suchte ebenfalls nach einem Signal. Neugierig legte sich Patricks Blick auf den Bildschirm des Laptops. Sein Gesicht offenbarte den Anwesenden, dass Patrick mit dieser Entdeckung nicht gerechnet hatte. Auf dem Bildschirm war ein Versandservice abgebildet, der dem Besitzer des Laptops freundlich auf die Lieferzeiten hinwies. Das bestellte Buch konnte erst in drei Tagen an die gewünschte Adresse geliefert werden. Daneben war ein abgebrochener Chat zu erkennen. Einer der vielen Kontakte von Chris hatte sich bereit erklärt, das gewünschte Buch noch heute an die Adresse zu liefern. Als Dank würde Patrick an der Universität in Berlin in dessen Vorlesungsreihe einen Vortrag über mögliche soziale Interaktionen halten, die mit den neuen Anforderungen mobilen Internetzugangs einhergehen können. Patrick staunte und Chris ergriff das Wort. „Ich bin selbständig. Ich bin Autor, Werber, Berater, Gesellschaftsführer und führe ein paar andere ausgedachte Berufe aus. Einer meiner größten Auftraggeber hatte gestern Nachmittag einen Unfall, ganz in der Nähe von Kiel. Heute Morgen habe ich ihn besucht und ihm versprochen, zur Aufheiterung etwas vorbei zu senden. Das Buch fand ich passend.“ Patricks Zeigefinger wies auf den Bildschirm seines Laptops. „Es gibt einen humorvollen Blick auf aktuelle Entwicklungen wieder. Kann ich Dir empfehlen, Patrick, wenn Du Lust und Zeit hast Dich mit neuen technischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen.“ Patricks Gesprächspartner hatte bis eben geschwiegen. Nachdem die letzte Silbe verklungen war, kicherte der Unbekannte vor sich hin, während er in seine Tasche griff und das eben beschriebene Buch auf den Tisch legte. Patrick kam gar nicht weiter dazu über die Frage nachzudenken, ob er dasselbe für seinen Chef getan hätte. Wahrscheinlich würde sein Chef dieses Geschenk als Eingriff in seinen persönlichen und privaten Raum empfinden. Der Unbekannte begann schon einige Passagen aus dem Buch vorzulesen. Nach nur wenigen Momenten war auch Patrick von der heiteren Stimmung seiner beiden neuen Wegbegleiter angesteckt. Zusammen lachten sie die nächsten Stunden über absurde Übertreibungen medialer Interaktionen. Dennoch begriff Patrick mit jeder Zeile mehr, welcher Welt des Artenreichtums und der Möglichkeiten er sich bisher aus Passivität und Uninformiertheit selbst entsagt hatte.


Als sie Chris und Patrick in Oslo ankamen, standen sie im Hafen und wussten nicht wohin. Die Umgebung wirkte fremdartig. Mitten in dieser Stille der Orientierung schallte Lachen zweier Personen an Patricks Ohr. Patrick drehte sich zu Chris um, der eine weitere Person herzlich grüßte. „Ich spiele für Euch Taxi und helfe Euch in dieser Stadt.“ Patrick war über diese Geste der Freundlichkeit überrascht. „Ich bin Follower von Chris und lese seinen Blog mit Begeisterung. Er würde mir ebenso in einer Situation der Hilfe beistehen.“ Leise fragte Patrick die Beiden, ob sie sich früher schon mal gegenüberstanden. „Nein, wir sehen uns heute zum ersten Mal.“

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weiterführende Quellen:


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