Reisebeobachtungen: vom jugendlichen Tausch der Glasmurmeln, über Pokemon zu Video und Audioclips und Annäherungsversuchen … soziale Interaktionen über den Vermittler „Handy“

„Jetzt hast Du es.“, sagt mein Sitznachbar zu einem der zwei Mädchen eine Sitzbank weiter vorn. „Ich sende Dir das Lied jetzt noch ganz schnell.“, warf er ihr hinterher, bevor er sich wieder seinem Handy zuwandte.

Das andere Mädchen neben ihr sitzt nervös auf ihrem Platz, rutscht von einem Ende zum anderen, bis sie sich letztendlich dazu entschließt den Jungen aufzufordern: „Gib mal die 111 ein.“ Der Junge schaut das Mädchen überrascht an: „Wieso?“, schallt es monoton aus seiner Kehle. Das Mädchen, das ihn so eben angesprochen hatte, wird leicht rot. Glücklicherweise ergreift ihre Freundin das Wort: „Ihr Handy findet Dich grad nicht.“ Die Antwort des Jungen: „Das dauert, wir haben noch nicht mal die Hälfte, ich hoffe wir schaffen es bis xxx. Es fehlen noch 700 kb!“

Was zeigt dieser flüchtige Einblick von einer Stunde Zugfahrt mir von der „Welt“ der Jugendlichen auf?

Zuerst einmal finde ich es erstaunlich, inwieweit neue technologische Möglichkeiten kulturelle Akzeptanz (bei Jugendlichen) erfahren. Marc Prensky hat 2001 schon auf den Unterschied von „digital natives“ und „digital immigrants“ hingewiesen. Die beobachteten Jugendlichen können ohne Zweifel als digitale „Eingeborene“ natives verstanden werden.

(Bei Interesse, in den nächsten Tagen erscheint auf scoyo im Rahmen einer Interviewreihe ein Videointerview von Steffen Büffel mit Marc Prensky. Unter der Organisation von scoyo findet unter anderem heute Abend im Technischen Museum in Berlin eine Diskussionsrunde statt, deren Keynote Marc Prensky setzt.)

Des Weiteren ist ein Kennzeichen neuer medialer Anforderungen im Umgang mit dem Web und neuen technologischen Möglichkeiten die Entwicklung eines Flow-Erlebnisses durch kollaboratives Zusammenwirken. In dem Augenblick, indem das Mädchen den Jungen bittet „111“ einzugeben, einen Code der anscheinend zum Suchen anschlussfähiger Handys in unmittelbarer Umgebung ermöglicht, grenzt sich die Gruppe „Jugendlicher“ von den anderen Reisenden ab. Sie haben die Möglichkeit entwickelt über neue technologische Anwendungen eine Art Clique/ Peer-Group, nämlich in dieser Stunde des „Tauschens von Audio- und Videodateien“, abzubilden. Das sich daran beteiligen des Musik- und Videosharings über Handy gilt als soziale Währung dieser Gruppe. Sie helfen Kontakte zu Gleichaltrigen (in Abgrenzung von den Nichtbeteiligten) zu knüpfen und zu pflegen.

Das Tauschen von Audio- und Videoclips muss somit als relevant für die eigene Identitätsbildung anerkannt werden und auch zur Positionierung innerhalb der Gruppe nützlich sein. Ingrid Paus-Hasebrink sagt dazu: „Im Endeffekt ist das Produkt der sozialen Währung nicht einmal das Ausschlaggebende für die erfolgreiche Bewährung in der Gruppe. Letztendlich zählt das richtige Auftreten. Die „dominierende Lesart“, also wie in der Gruppe mit den Medienmarken umgegangen wird, muss erkannt und angewendet werden. Wer diesen Code entschlüsselt, findet Einlass in die Clique. Das alleinige Vorweisen von Merchandising-Produkten.“

Quelle:

Ingrid Paus-Hasebrink :“Kinder als Konstrukteure ihrer Alltagsbeziehungen – zur Rolle von ‚Medienmarken‘ in Kinder-Peer-Groups“ SWS-Rundschau (Heft 1/2007).

3 thoughts on “Reisebeobachtungen: vom jugendlichen Tausch der Glasmurmeln, über Pokemon zu Video und Audioclips und Annäherungsversuchen … soziale Interaktionen über den Vermittler „Handy“

  1. Interessante Sicht der Dinge. Den elektronischen Austausch von Informationen hatte ich bis jetzt nicht aus der sicht der Soziologie gesehen. Leider kenne ich mich noch nicht in dem Bereich aus, dass ich etwas dazu beitragen kann.

    Grüße aus MOsworld

  2. Pingback: Unterschiedliche Formen der Sozialisationserfahrungen während der Kindheit (Ausschaltungskonkurrenz – Entfaltungskonkurrenz) « gophi’s Versuch einer Methexis

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