Erfahrungen: Motivationsförderung in (virtuellen ) Projekten

Ausgangsfrage: „Wie kann man Schüler und Studenten motivieren, auch über die anfängliche Beisterung über längere Zeit in virtuellen Projekten am Ball zu bleiben?“

Sicherlich lehre ich weder an einer Schule, noch an einer Universität momentan. Dennoch setze ich mich so gut, wie tagtäglich mit genau dieser Zielgruppe auseinander. Vielleicht kommt bei mir sogar noch erschwerend hinzu, dass ich Schüler, Studenten, Personen in der Ausbildung und zum Teil schon Berufstätige mit einem gemeinsamen Projekt identifizieren muss. Natürlich gelingt das bei mir nicht immer. Denn auch das ist eine Besonderheit meines Projekts, es beruht auf absolute Freiwilligkeit. Fühlt sich der eine oder andere ungerecht behandelt oder nicht mehr wahrgenommen, ist er schneller weg, als man hinterher sehen kann.

Meine Erfahrungen um die Motivation in virtuellen Projekten aufrecht zu erhalten, sind:

– Jeder, der an einem Projekt teilnimmt, den versuche ich, in erster Linie als einzelne Person zu betrachten. In teils langen Gesprächen versuche ich seine Motivation, die ihn zu uns geführt hat zu ergründen, in der Hoffnung, dann daraufhin anschließen zu können. Weiterhin versuche ich mit ihm zu ergründen, wie er sich vorstellen könnte, eigene Bereitschaft hinsichtlich des Zeitaufwandes und dem zur Verfügung stellen eigener Ressourcen zu dem Projekt mit einzubringen. (In Erfahrung bringen der individuellen Ressourcen.)

Das deutet drauf hin, dass man wohl ohne ein wenig Hierarchie nicht auskommen kann.

– Weiterhin suche ich den ständig wiederkehrenden Kontakt zu den Einzelnen. Permanente aktive Diskussionen sind wohl notwendig, wenn auch sehr zeitaufwändig. Den Angesprochenen selbst, vermittle ich das Gefühl in ihrer Einzigartigkeit wahrgenommen zu werden, ihre persönlichen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und diese speziell auf sie zugeschnitten in das Projekt zu integrieren. Wie sagt man in der Pädagogik so schön: „Man holt den Lernenden dort ab, wo er sich befindet und führt in dann weiter.“
Feedback sehe ich dabei auch als einen sehr wichtigen Punkt an. Der Gegenüber will sich schließlich ständig verbessern und dafür letztendlich auch Anerkennung (Sanktionen / Partizipation / Gratifikation) (in welcher Form die auch immer aussehen kann) erhalten. Ist diese durchgehend positiv formuliert, kann sie ebenso, wie nur negative formulierte Anerkennung schnell zu einer „Abstoßreaktion“ führen. Der User fühlt sich dann nicht wahrgenommen, sondern nur als Mittel zum Zweck eines höheren Ziels.

Hierbei handelt es sich wohl um den Prozess der Integration.

– Will sich der Andere engagierter einbringen, indem er das höhere Ziel erkennt und für dessen Umsetzung aktiv beitragen, so versuche ich diese Person zu fördern, da sie mir sonst in Langeweile, zerstörerischem Tun oder mit gänzlicher Passivität endet. Erkennen kann ich dies bspw. daran, wie Christian schon beschrieb, indem ich versuche immer mal wieder neue Impulse in die Gruppe hinein zugeben. Dabei kann ich jedoch auch noch mal zwischen den zwei Gruppen von Menschen unterscheiden. Die einen greifen die Impulse gerne auf und arbeiten sich daran ab. Andere (wenige) bringen eigene Ideen und Vorstellungen (eigene Impulse) in die Gruppe hinein. Gemeinsam versuchen wir erste Projekte (die dem größeren untergeordnet sind) zu formulieren. Meine Aufgabe ist es dabei, ständig mich als ansprechbar zu zeigen, hier – und da mal interessiert nachzufragen, zu mindestens in der Anfangsphase.

Prozess der Identifikation. (Ziel) 😉

(Ein Zeichen dafür, dass dies funktioniert ist, die Personen kommen jetzt selbst zu einem, Man selbst muss nicht mehr hingehen und das aktive Gespräch suchen, sie tun es von sich heraus.)

Anmerken möchte ich noch abschließend, dass bspw. die Gruppe NEURON anderen Motivationsperspektiven entspricht, die sich wahrscheinlich nur in ihrer Gewichtung unterscheiden? (Hypothese)

9 thoughts on “Erfahrungen: Motivationsförderung in (virtuellen ) Projekten

  1. Hallo Jana,

    ein erstes Moment, das deine Hypothese („lediglich unterschiedliche Gewichtung“) stützen würde: Wir hatten beim Neuron-Treffen über die Bedeutung von Spannungsfeldern diskutiert. Deine Ausführungen mit „Identifkation“ und „Integration“ treffen diese Überlegungen z.T. sogar im Wortlaut.

    Herzliche Grüße,
    Uli

  2. Hi Jana, thematisch sind wir möglicherweise noch nicht mal weit auseinander. Die Beteiligung von Menschen in virtuellen Communities finde ich auch interessant. Mit Blick auf die Wikipedia interessiert mich aber eher, wie man verhindern kann, dass Menschen in einer virtuellen Community ganz aufgehen. Ich kenne einige Beispiele, wo „Benutzer“ offenbar ganz in der Wikipedia leben. So etwas würde ich mir für meine Schüler eher nicht wünschen.

    Du hattest geschrieben: „Das deutet drauf hin, dass man wohl ohne ein wenig Hierarchie nicht auskommen kann.“ – Die Wikipedia funktioniert eigentlich ganz ohne Hierarchie, denn ein großer Organisator, der dem einzelnen sagt, wo er aktiv werden muss, ist ja nicht vorgesehen.

    Persönlich interessiere ich mich eher für existierende Communities, speziell die Wikipedia😉 Dort gibt es meines Wissens bereits Arbeiten, warum Menschen auf die bekloppte Idee kommen, viel Freizeit und Geld (DSL-Flatrate) uneigennützig und unbezahlt in ein Projekt zu stecken. Die Arbeit von Ingo Frost fand ich da ganz aufschlussreich; da gibt es aber mehr. Wenn ich mich nicht täusche, gibt es die Frost-Diss. auch kostenlos online (PDF). Einfach mal googlen.

  3. Du hattest geschrieben: „Das deutet drauf hin, dass man wohl ohne ein wenig Hierarchie nicht auskommen kann.“ – Die Wikipedia funktioniert eigentlich ganz ohne Hierarchie, denn ein großer Organisator, der dem einzelnen sagt, wo er aktiv werden muss, ist ja nicht vorgesehen.

    Ich bin mir da nicht so sicher, dass die Wikipedia gänzlich ohne Hierarchie existieren kann. Deuten nicht gerade die Unterteilungen in Administrator und Schreiber, bzw. Schreiber, die an Wahlen teilnehmen dürfen; Schreiber, die aufgrund weniger Edits, nicht an Wahlen teilnehmen dürfen und den eingegrenzten Zugriffsrechten von anonymen Schreibern (IP-Adressen) auf so etwas wie eine hierarchische Form hin?

    Es bedarf in einer Gruppe, die sich aus Leuten zusammensetzt, die gemeinsam arbeiten bzw. etwas schaffen wollen, einer Person, der das Ganze organisiert und koordiniert.

    Die Hierarchie in der Wikipedia, da stimme ich Dir zu ist von sehr flacher Natur und vielleicht auch nur dort „anwesend“, wo sie wirklich notwendig ist. (Auswirkung: Artikel, die gesperrt werden müssen, weil sonst nur Unsinn darin herum geschrieben wird. Auch die Portalseite kann nicht jeder bearbeiten und im Aussehen verändern.)

    „Vier israelische Forscher haben jetzt gezeigt, wie man mit Hilfe der mathematischen Graphentheorie alleine aus der Verlinkung der Wikipedia-Artikel untereinander einen hierarchisch aufgebauten Kategorienbaum erhalten kann, der den Wikipedia-Einträgen eine sinnvolle Ordnung verleiht.“ (http://www.wissenschaft.de/wissenschaft/hintergrund/284273.html)

    D.h. auch Wikipedia-Autoren, die besonders beliebt oder angesehen sind, sind im sozialen System hierarchisch anderen übergeordnet. Wikipedia-Autoren, die schon ausgezeichnet wurden mit einem exzellenten Artikel haben mehr Einfluss auf die Geschehnisse in der Wikipedia als eine IP-Adresse eines anonymen Schreibers.

    Danke für den Hinweis der Dissertation😀

  4. Ich hab mich leicht vertan, zwar eine Qualifizierungsschrift, aber nur eine Diplom-Arbeit. Die Arbeit fand ich seinerzeit dennoch sehr informativ. Schau mal hier:

    http://www-lehre.inf.uos.de/~ifrost/offiziell/index.html

    Zum Thema gibt es inzwischen aber IMHO mehr.

    Ich glaube nicht, dass es in der Wikipedia (echte) Hierarchien gibt. Meistens sind es nur Cliquen, die Meinungen durchdrücken und das System ist sehr instabil. Wer mit wem einer Meinung ist, ändert sich – meiner Meinung nach – sehr schnell. Es gibt aber sicher Tendenzen „Hierarchien“ einzubauen und hier auch solche, die man eigentlich gar nicht braucht. Warum sich Wikipedianer im RL treffen, kann ich noch verstehen. Aber es hört auf, wo sie ein Schiedsgericht wählen und dann noch so tun, als seien die dortigen Beiträge bzw. „Urteile“ irgendwie gültig. Das ist Kindergarten, aber offenbar macht es innerhalb der Community Sinn…

  5. Selbst wenn Du es einen Kindergarten bezeichnest, findet in meinen Augen dort ein Prozess statt, der in vielen Gruppen, die sich in irgendeiner Form organisieren wollen, zu beobachten ist.

    Was verstehst Du unter einer „unechten“ Hierarchie? Hierarchien, die das System selbst vorgeben (sprich die Technik) oder soziale Hierarchien, wie Du sie nanntest „Cliquen“? Sind soziale Hierarchien in dieser Form nicht das, was wir unter Hierarchien im Allgemeinen verstehen?

    Hierarchien in Gruppen gehen mit Gratifikations-, Partizpations- und Sanktionsmechanismen einher. (u.a.) (siehe dazu Marotzki: Online-Ethnographie-Wege und Ergebnisse zur Forschung im Kulturraum Internet, 2003). Schiedsgerichte bestimmen ob jemand zu der Gemeinschaft im engeren Sinne dazugehört. Der Sinn besteht in meinen Augen in der Teilhabe bzw. nicht Teilhabe zur Gemeinschaft.

  6. Nicht uninteressant. Ich hatte bislang einen anderen Hierarchie-Begriff (Hierarchie vs. Netzwerk) im Kopf. Dem Marotzki-Hinweis werde ich noch mal nachgehen; deinen letzten Beitrag habe ich mir gerade bereits herauskopiert.

    Demnach würdest du so etwas wie das Schiedsgericht als Versuch der Community begreifen, sich selbst zu organisieren. Die Wikipedia ist in meinen Augen idealiter ein Gemeinschaftsprojekt gleichberechtigter „Autoren“. Die Versuche „Strukturen zu schaffen“ finde ich problematisch, weil damit m. E. auch Abgrenzungstendenzen einhergehen. Das könnte sich nachteilig auf die Qualität der Inhalte auswirken. Mal andersherum gefragt: Würdest du dich vor das ‚Schiedsgericht‘ der deutschsprachigen Wikipedia vorladen lassen?

    Persönlich glaube ich, dass Online-Communities eine Sogwirkung entfalten (können) und da stellt sich für mich eher eine andere Frage: Wie verhindere ich, dass Menschen (=Schüler) in einer virtuellen Community aufgehen?

    (1) Ich glaube nicht, dass das Verfassen von Wikipedia-Artikeln bildet. Vermutlich muss man hier die Medienkompetenz der Schüler entwickeln: Es gibt eine Sog-Wirkung, wie entgehe ich ihr? Wie agiere ich in virtuellen Communities selbstbestimmt?

    (2) Wie kann ich die Sog-Wirkung positiv – für schulische Zwecke – nutzen? Wie kann ich erreichen, dass sich Schüler in ihrer Freizeit – freiwillig und aus eigenem Antrieb – mit schulischen Inhalten befassen? Funktioniert das über virtuelle Communities? Wie installiere ich auch da ggf. Stop-Marken?

  7. Huhu Michael,

    Wikipedia hat das große Problem der Qualitätssicherung:
    Mit dem Nachgehen des Anspruchs einer Online-Enzyklopädie will die Wikipedia dem, Leser versichern, dass ein Mindeststandard eingehalten werden kann. Dazu braucht man sich nur die unzähligen Löschdiskussionen der einzelnen Artikel betrachten. Subtile Formen des Vandalismus müssen somit verhindert werden. Wenn der Leser davon ausgeht, dass die Informationen, die er in der Wikipedia findet, unsicher sind, wird er Wikipedia so schnell nicht wieder aufrufen. Genereller Zweifel schadet dem Projekt allgemein. (Aufgrund dieses Problems wurde Citizendium, vom einem der einstigen Wikipediagründer Larry Sanger, ins Leben gerufen.)

    Somit versucht Wikipedia soziale Kontrolle auszuüben. Das kann man auch gut an dem Tool der Qualitätssicherung in Form von „Gesichteten und geprüften Versionen“ nachvollziehen. „Jeder angemeldete Benutzer wird automatisch zum „Sichter“ sobald 60 Tage seit seinem ersten Edit vergangen sind, er mindestens 500 Artikel-Bearbeitungen (Edits) getätigt, eine Benutzerseite angelegt und seine E-Mail-Adresse bestätigt hat, sein Sperrlogbuch leer ist und einige weitere Anforderungen erfüllt sind.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Hilfe:Gesichtete_und_gepr%C3%BCfte_Versionen)

    Das „Schiedsgericht“ versucht die Ideale der Wikipedia-Community umzusetzen, zudem eben auch Qualitätssicherung dazugehört. Jeder kann sich zwar an der Wikipedia anmelden, um mitzuarbeiten, d.h. aber noch nicht, dass er der Wikipedia-Community angehört. Versuchen nicht soziale Systeme (als was ich die Wikipedia begreife) sich durch eigene Strukturen selbst zu organisieren? Ich glaube, dass jedes System im Laufe der Zeit Strukturen herausbildet, egal, ob diese gewollt sind oder nicht. Gehören dazu nicht auch Abgrenzungstendenzen? Abgrenzungstendenzen dienen in meinen Augen nicht nur, um andere auszuschließen, sondern um die eigenen Mitglieder (User) mit dem Projekt auch zu identifizieren. Allerdings empfinde ich die Grenze sehr niedrig. Es ist leicht der Wikipedia-Community anzugehören, da die notwendigen Bedingungen recht niedrigschwellig, aber auch so hoch wie nötig, angelegt wurden.
    „Schiedsgerichte“ dieser Art finde ich allein schon aus soziologischer Perspektive hoch spannend.

    Die Community-Sog Wirkung finde ich aus rein subjektiver Wahrnehmung sehr hoch gepusht. Es gibt immer einen Anteil der Personen, die sich in einer medialen Welt verfangen. Communitys sind nur ein Medium von vielen, wo diese Diskussionen ebenso geführt wurden. Vom Radio und dem Fernsehen hatte man ebenso zu Anfangszeit gedacht.
    Stop-Marken können durch Selbstbeoachtung und Selbstreflexion gesetzt werden. Wichtig finde ich das Erwerben von Partizipationskompetenz, dem die Medienkompetenz untergeordnet ist.

  8. Ich finde das sehr interessant, was du schreibst! In Teilen hat sich mein Blickwinkel bereits geändert. Die Community habe ich bei der Wikipedia bislang nie als bedeutenden Faktor angesehen; vermutlich muss ich das ändern…

    Hinsichtlich Abgrenzungs- und Ausgrenzungstendenzen: Ich kann das an der Dateiüberprüfung festmachen. Vor einigen Monaten wusste ich noch, wie das geht. Dann wurde das Verfahren geändert; ich habe mir das seitdem nicht mehr angesehen. Ich markiere seitdem auch keine Dateien mehr in der Wikipedia.

    Übrigens: Ich war ein Fan des „ungesicherten“ Wissens in der Wikipedia und habe das ehrlich gesagt immer als große Stärke der Wikipedia begriffen. Entsprechend finde ich die Neuerungen in diesem Bereich auch wenig hilfreich.

    Es wird sich sicher noch mal eine Möglichkeit ergeben, wo wir uns face to face treffen. Das würde ich dann gerne noch einmal an- und ausdiskutieren😉

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s