Selbst- und Weltreferenz im ÖSF-Blog

Letzte Woche habe ich den Versuch eines weiteren Blogs „ÖSF – Blog“ gestartet.

In meiner Promotion unterscheide ich Social Networks von Communities im Internet. Beides sind soziale Erscheinungen, die eng mit den virtuellen Möglichkeiten des Internets verwoben sind. Communities sind jedoch im Gegensatz zu Social Networks anders strukturiert. Weisen Communities hierarchische Strukturen auf, so benötigt ein Social Network weitestgehend Dezentralität. Auch die Mitglieder einer Community müssen identifizierbar sein, wenn ein gemeinschaftlicher Charakter entstehen soll. Die Teilhabe an Social Networks ist hingegen weitgehend anonym. Das Ziel von Communities liegt unter anderem darin, kollektives Wissen, mit dem sich die ganze Gemeinschaft identifizieren kann, zu erschaffen. Social Networks beruhen auf kollaboratives Zusammenarbeiten, d.h. es wird kollaboratives Wissen entworfen.

Wenn man die idealen Fälle von Community und Social Network auf einer axiomatischen ausgerichteten Linie darstellen würde, dann ist die Community der entgegen gesetzte Extremfall eines Social Networks. In der Realität (gemeint: jenseits der wissenschaftlichen Theorie) werden wir vor allem unterschiedlichste Mischformen auffinden.

Die Promotion wird in dem Fach der Erziehungswissenschaft geschrieben, das sich mit den Grundfragen von Bildung und Erziehung auseinandersetzt. Dabei ist gerade das Verhältnis der Selbst- und Weltreferenz (auch bekannt unter dem Begriff des „Subjekt-Objekt-Dualismus“; im 19. Jh. von Humboldt zusammengefasst) von Bedeutung. „Bildungstheorie beschäftigt sich mit der zentralen reflexiven Verortung des Menschen in der Welt, und zwar in einem zweifachen Sinne: zum einen hinsichtlich der Bezüge, die er zu sich selbst entwickelt (Selbstreferenz) und zum anderen hinsichtlich der Bezüge, die er auf die Welt entwickelt (Weltreferenz).“ (Marotzki 2006, 61)

Indem die Mitglieder der ÖSF sich am Blog beteiligen (was durch die dezentrale Struktur, meiner Annahme nach, erleichtert werden sollte) reflektieren sie zugleich ihre Erlebnisse und Wahrnehmungen nach außen, aber auch an die hierarchisch „übergeordneten“ Spieler. Oftmals fehlt in der Community von einzelnen Mitgliedern der Mut, Unzufriedenheit oder glückliche Momente an die Spielleiter weiter zu tragen. Oder aber, die Kommunikation ist durch falsche Führung von vornherein beschränkt. Durch Selbstreflexion, die in den einzelnen Kommentaren oder Artikel durchaus zu finden sind, setzen sie sich mit sich (als Spieler) und der Community auseinander.

Des Weiteren kann um die Gemeinschaft der ÖSF selbst ein gesellschaftliches Merkmal gespannt werden, wodurch sich die Community nicht in ihre kleine Fantasiewelt zurückzieht, sondern andere „Nicht-Mitgliedern“ auf sich aufmerksam macht (Natürlich ist der Blog nur eine von mehreren auch bereits eingesetzten Möglichkeiten.). Da der Trend im Web durch die Möglichkeiten des so genannten „Web 2.0“ eher zu gesellschaftlichen und somit übergeordneten Strukturen im Web aufruft, ist es schwer für eine Vielzahl von Communities, neue Mitglieder zu finden. Mit dem Einsatz übergeordneter Strukturen sollten diese sich nicht neuen Web Anwendungen verschließen, sondern sie erfolgreich für die eigene Gemeinschaft nutzen.
Aus den vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten erwächst nicht nur das Potenzial der Gestaltung, sondern auch das Risiko der Community in der Handlungsunfähigkeit zu verharren. Langeanhaltende und zähe Diskussionen, an denen nur wenige Mitglieder innerhalb der Communities teilnehmen, weisen auf diese Unsicherheit hin. Argumente nach der Unsinnigkeit werden überwiegend bei den wenigen Kommentaren gefunden, obwohl diese Mitglieder selbst keine bis wenige Erfahrungen im Umgang mit den neuen Web-Möglichkeiten aufweisen können. Die von vornherein abwehrende Haltung könnte ein Hinweis auf diese Orientierungslosigkeit mit anschließender Handlungsunfähigkeit sein.

Meine Thesen:

These 1: Mitglieder, die sich schon jahrelang überwiegend in Communities bewegen, haben die Entwicklung neuer Web Anwendungsmöglichkeiten oft verpasst, weil sie über die Grenze der eigenen Community nicht hinausgesehen haben. Da die historische Entwicklung von Gesellschaften oftmals erst über Gruppen, die sich dann zur Gesellschaft zusammenschließen, erfolgt, haben viele Mitglieder von Communities die gesellschaftliche (Social Network) Entwicklung verpasst.

These 2: Jean Jacques Rousseau schrieb in seinem „Gesellschaftsvertrag“, dass der Mensch an einem Punkt stand, wo er sich für den endgültigen Austritt aus dem Naturzustand entschieden und eine Lebensweise gewählt hatte, die an einem Gesellschaftsvertrag gebunden war. Ab diesem Zeitpunkt, gab es für den Menschen und allen Nachfolgenden kein zurück mehr. Auf das Internet übertragen heißt das: Menschen, die das Internet für sich ab diesem „Gesellschaftsvertrag“ entdecken, bewegen sich mit dem Eintritt in die virtuelle Datenwelt, in einer Welt der vernetzten Applikationen. Sie können das „Einigeln“ einiger Communities nicht nachvollziehen oder attraktiv finden, da es sich um eine rückgängige Entwicklung handelt, auch wenn sie gemeinschaftliche Nähe verspricht.

Quelle:

Winfried Marotzki, Wie ist Orientierung angesichts veränderter Weltkonstitutionen möglich? Oder: Medienkompetenz oder Medienbildung – Lohnt sich die Kontroverse, 20.03.2004

Ulrich Beck, Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne, 1986

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